Source: Manniska Plus Magazine (Svensk, English)
Date: January 2011

TRANSHUMANISMUS 2011
Interviewer: Aron Vallinder
Människa Plus


1. Im Jahr 1997 haben Sie zusammen mit Nick Bostrom die WTA/H+ gegründet. Was hat Sie dazu bewogen? Und was hat sich seither ereignet?

DP: Es begann alles recht informell. 1995 schrieb ich ein Online-Manifest, Der hedonistische Imperativ, was sich für den Einsatz von Bio-Technologie zur Abschaffung des Leidens in der gesamten belebten Welt ausspricht. Zu dieser Zeit war Nick als Philosophie-Postgraduierter in London. Er las das Manifest und feuerte einige scharfe Fragen ab. Später haben wir uns getroffen. Ich habe auf Nick eingeredet, dass er eine Webseite haben müsse. Daraufhin hat Nick mich bezüglich der Gründung einer Art Dachorganisation für Transhumanisten abgeklopft – und meine Zweifel ausgeräumt, ob die Überwindung des Leidens wirklich ein zentraler Punkt auf der Agenda des Transhumanismus ist.

Schnitt zu Januar 2011. Was hat sich seither ereignet? Nun, ich denke, man könnte ein ganzes Buch über die Drehungen und Wendungen schreiben, die die transhumanistische Bewegung im Verlauf der letzten 14 Jahre durchlaufen hat. Ich werde hier allerdings noch nicht einmal den Versuch eines kleinen Abrisses unternehmen. Stattdessen könnte ich ein paar Strömungen des zeitgenössischen Transhumanismus aufzeigen.

Alle Transhumanisten würdigen Aubrey de Greys Arbeit an radikalen Anti-Aging-Technologien bei der SENS-Foundation. Ich denke, eine eigennützige Frage, die wir hinsichtlich „Langes Leben flieht die Geschwindigkeit“ im Hinterkopf haben, ist die nach dem Zeitrahmen. Wann? Unsere Enkelkinder altern vielleicht nicht mehr. Aber können wir selbst realistischerweise darauf hoffen, ebenfalls davon zu profitieren?

Kontroverser ausgedrückt: Viele Transhumanisten glauben, dass exponentielles Wachstum der Computerleistung uns zu einer „Intelligenz-Explosion“ führen wird, zur technologischen Singularität. Verschiedene Autoren verwenden den Begriff „Singularität“ in unterschiedlicher Weise. Es lohnt sich, diese zu vergleichen: http://singinst.org/blog/2007/09/30/three-major-singularity-schools/. Das von Ray Kurzweil (The Singularity Is Near, 2005) prophezeite digitale Nirwana steht im krassen Gegensatz zu den dunklen Vorahnungen über selbst-lernende generelle künstliche Intelligenz von Eliezer Yudkowsky am Singularity Institute for Artificial Intelligence (SIAI). Wird eine post-biologische Intelligenz menschenfreundlich sein – oder besser gesagt empfindungsfreundlich? Einen völlig anderen Ansatz verfolgen James Hughes und seine Kollegen am Institute of Ethics and Emerging Technologies (IEET). Das IEET repräsentiert eine akademische, weitgehend links-liberale Variante des Transhumanismus. Mittlerweile sind Max More und Natasha Vita-More, die mit ihren Kollegen am Extropy Institute Pionierarbeit für die moderne transhumanistische Bewegung geleistet haben, im Vorstand der WTA/H+ tätig. Max wurde außerdem gerade zum Geschäftsführer der Alcor-Foundation ernannt, der weltweit führenden Kryonik-Organisation. Ben Goertzel, Autor von A Cosmist Manifesto (2010) und ausübender KI-Programmierer, ist jetzt Vorsitzender der WTA/H+. Die Universität von Oxford, einst Heimat der Philosophie der normalen Sprache, hat nun ein Future of Humanity Institute. Nick Bostrom hat mehr als jeder andere dafür getan, das Studium des Existenzrisikos – im Gegensatz zu einer populistischen Schicksals-Schwarzmalerei – als exakte akademische Disziplin zu etablieren. Andere bekannte Transhumanisten entziehen sich einer einfachen Kategorisierung.

Natürlich besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen Philosophieren und dem Aufbauen einer Bewegung. Den großen Tieren im Transhumanismus-Dschungel wird die meiste Aufmerksamkeit zuteil; die praktischen Organisatoren arbeiten hinter den Kulissen und sorgen dafür, dass die Dinge laufen. Das nächste große H+-Ereignis findet am 29. Januar in der Conway Hall in London statt: http://humanityplus.org.uk/speakers/. Ich hoffe, dass auch Människa Plus-Anhänger teilnehmen werden!


2. Sie sind hauptsächlich als Verfechter des „Abolitionismus“ bekannt. Können Sie uns etwas über diese Position sagen, und wie sie sich zum Transhumanismus im Allgemeinen verhält?

DP: „Abolitionismus“ ist lediglich ein schickes Wort für das Abbauen aller unangenehmen Erfahrungen – der molekularen Substrate von sowohl psychischem als auch physischem Leiden, bei Menschen und Nicht-Menschen gleichermaßen. Dieses Ziel scheint unglaublich utopisch. Doch dank Biotechnologie ist die Abschaffung von Leiden jeglicher Art, bei deutlicher Weiterentwicklung der existierenden Technologien, prinzipiell machbar. Eine Verpflichtung zum Engagement für das Wohlbefinden aller fühlenden Wesen ist in der Transhumanistischen Erklärung (1998, 2009) festgeschrieben: http://humanityplus.org/learn/transhumanist-declaration/. Wenn Sie mich fragen, ich sage (vorsichtig) voraus, dass die letzte unangenehme Erfahrung der Welt innerhalb unseres Vorwärtslichtkegels ein präzise datierbares Ereignis sein wird – möglicherweise ein Mikro-Schmerz eines niedrigen wirbellosen Meereslebewesens in ein paar Jahrhunderten.

Wie gelangen wir also dorthin? Schmerz und Leiden existieren heute, weil sie genetisch adaptiv gewesen sind. In der adaptiven Umgebung unserer Vorfahren halfen die Signaleigenschaften unser hässlichen Uremotionen (Trauer, Ekel, Ärger, Furcht, usw.) den Genen der organischen Roboter, mehr Kopien von sich selbst zu produzieren („Maximierung der Gesamtfitness“). Jede dieser Kernemotionen hat ihre eigene anatomische und neurochemische Signatur, sowie ihre alte funktionale Rolle. Ich skizziere hier drei grundlegende Lösungsansätze. Diese umfassen (1) Mikro-Elektroden, (2) Neuro-Pharmokologie und (3) Gentherapie.

1) Die plumpste Methode ist am einfachsten umzusetzen, aber auch die politisch am wenigsten glaubwürdige. So kann selbst heute schon das Leiden durch eine direkte Neurostimulation der Belohnungszentren beseitigt werden – diese soziologisch wenig überzeugende Methode nennt sich „Wireheading“ und ist nur für schwer depressive Menschen attraktiv.

2) Später in diesem Jahrhundert bietet vernünftiges Medikamenten-Design, in Verbindung mit Pharmakogenetik, die Möglichkeit einer feineren Beherrschung von Stimmung und Motivation. In einem Zeitalter personalisierter Medizin können „Wunderpillen“ dafür sorgen, dass wir uns „besser als gut fühlen“. Doch bieten medikamentenbasierte Eingriffe nur eine symptomatische Verbesserung. Selbst die innovativsten Designer-Medikamente können nur Notlösungen sein. Psychoaktive Substanzen haben zahlreiche Tücken, nicht zuletzt ihr Missbrauchspotential. Und vermutlich möchten wir unseren Kindern auch nicht von Geburt an chemische Cocktails verabreichen.

3) Im Gegensatz dazu verheißt die post-genomische Medizin, das Leiden bei seinen genetischen Wurzeln zu packen. Die menschliche Spezies kann ihren eigenen Quell-Code optimieren, bearbeiten und später neu schreiben. Folglich können sich unsere Nachkommen angeborener mentaler Supergesundheit erfreuen. Dabei liegt die größte technische Herausforderung für eine informationelle Ökonomie des Geistes, basierend auf Abstufungen des Glücks, nicht darin, in den „hedonischen Hotspots“ des Gehirns praktisch grenzenloses, ungeschliffenes Glück zu erzeugen, also die Substrate reinen Glücks in der rostrodorsalen Schale des Nucleus Accumbens und in der hinteren Hälfte des ventralen Pallidums; die Herausforderung liegt vielmehr darin, hoch-funktionale, einfühlsame, informations-sensitive Abstufungen des Wohlbefindens zu schaffen – und dabei die sozialen Auswirkungen einer solchen globalen Verbesserung der Gestimmtheit zu berücksichtigen. Welches sind die Auswirkungen eines lebenslangen (Super-)Glücks auf die Dynamik der Gesellschaft als Ganzem?

Ein klassischer Utilitatist könnte fragen, weshalb man nicht dauerhaft nach maximalem Glück strebt. Weshalb nur auf die Neukalibrierung des hedonischen Sollwerts abzielen? Wenn wir in der Zukunft alles Hässliche und Alltägliche auf intelligente Prothesen auslagern können („Offloading“), gesteuert durch formale Nutzenfunktion statt durch bestärkendes Lernen, weshalb dann nur nach informations-sensitiven Abstufungen des Wohlbefindens streben? Sollten wir uns nicht stattdessen um absolute Perfektion bemühen? Vielleicht. Letztendlich ist die Zukunft des Lebens im Universum ungewiss. Doch das Risiko, das die Hervorbringung von einförmigem Glück mit sich bringt, ist Stagnation, sowohl persönlich als auch gesellschaftlich: das chemische Analogon zu Wireheading. Einförmiges Glück beinhaltet den Verlust von Verständnis und angemessenen Verhaltensreaktionen, einen Mangel an Motivation und sozialer Verantwortung, und das Fehlen einer narrativen Struktur unseres Lebens. Der euphorische Heroin-Benutzer kommt nicht weit. Insgesamt könnte sich die Menschheit in einer „Brave New World“ einschließen anstatt das volle Potential des Lebens im Kosmos zu erkunden. Ich denke, das „volle Potential“ steht hier nur für eine vage und etwas schwammige Art zu sagen, dass es klug wäre, nichts Unwiderrufliches zu tun, bis wir sicher sind, dass wir die Auswirkungen unseres Tuns auch wirklich verstehen. Auf absehbare Zeit werden wir wohl die Signalfunktion einiger unserer darwin'schen Kern-Emotionen behalten wollen. Wir können deren funktionale Analogien beibehalten, ohne die hässlichen „Qualia“.

Sollten wir danach streben, die Substrate des subjektiven Wohlbefindens über die Grenzen der normalen menschlichen Erfahrung hinaus zu bereichern – die tatsächliche Konstruktion eines Paradieses? Hier gehen wir über das abolitionistische Projekt hinaus, geradewegs zu ambitionierteren Vorstellungen von mentaler Gesundheit. Die Obergrenze eines nachhaltigen Wohlbefindens ist unklar, ebenso dessen ideale kosmische Ausweitung: Der klassische Utilitarist ist langfristig wahrscheinlich einer Art kosmologischer „Utilitroniums-Schockwelle“ verpflichtet. Bescheidener ausgedrückt, der negative Utilitarist zielt darauf ab, sämtliche Empfindungen auf oder oberhalb des „hedonischen Nullpunkts“ zu halten. Wie auch immer, ich denke, dass unsere Nachfahren, und vielleicht gerade noch vorstellbar wir selbst in Zukunft, von Abstufungen intelligenten Glücks animiert sein werden, das um Größenordnungen reicher ist als heutige Gipfelerfahrungen.

Die Rede von der Abschaffung des Leidens, von der ausgewachsenen Konstruktion eines Paradieses ganz zu schweigen, wäre nur müßiges Philosophieren, gäbe es nicht stichhaltige Gründe für die Vorhersage, dass ein solcher evolutionärer Übergang tatsächlich stattfinden wird. Es lohnt sich also, etwas innezuhalten und die Auswirkungen der bevorstehenden reproduktiven Revolution der „Designer-Babys“ zu betrachten. Ein kostengünstiger Zugriff auf unser persönliches Genom wird bald ubiquitär sein. Zukünftige Eltern werden in Kürze die Möglichkeit haben, das genetische Make-Up ihrer künftigen Kinder durch Präimplantationsdiagnostik zu bestimmen. Letztendlich wird man das alte russische Roulette der „natürlichen“ Empfängnis eines Kindes als rücksichtslos und unverantwortlich erachten.

Später in diesem Jahrhundert haben die meisten Eltern in spe wahrscheinlich keine großartige Ideologie einer „Abschaffung des Leidens“ im Sinn. Vielmehr konzentriert sich die elterliche Entscheidung auf die genetische Gestaltung des mentalen und physischen Wohlbefindens der eigenen künftigen Kinder. Die Zunahme genetisch informierter reproduktiver Entscheidungen wird einen enormen Selektionsdruck gegen unsere hässlicheren Gene und Allelkombinationen erzeugen. Künftige Eltern werden nicht nur „offensichtliche“ Entscheidungen treffen, wie das Eliminieren von Mukoviszidose und anderen monogenetischen Erkrankungen. Höchstwahrscheinlich werden sie auch Gene ausmustern, die für mentale Dysfunktionen prädisponieren.

Stellen Sie sich zur Veranschaulichung einmal vor, Sie würden als zukünftige Eltern den hedonischen Sollwert ihrer künftigen Kinder genetisch festlegen. Welche Lebensqualität würden Sie für Ihre Nachkommen auswählen? Würden Sie lieber ein angst-getriebenes, depressives – oder ein liebevolles, glückliches Kind großziehen? Hätten Sie, im letzteren Fall, Ihr Kind lieber ein bisschen glücklich, gemäßigt glücklich oder hochgradig glücklich? Zwillingsstudien belegen, dass solche Eigenschaften in hohem Maße genetisch bedingt sind. Bereits jetzt können wir bestimmte Allele identifizieren (z. B. Varianten des µ-Opioid-Rezeptors und der COMT-Gene: http://www.reproductive-revolution.com/comt.pdf), die am hedonischen Tonus und der subjektiv empfundenen Lebensqualität beteiligt sind. Darüber hinaus verfügen medizinische Genetiker jetzt im Prinzip über das Wissen, durch Allel-Varianten des SCN9A-Gens das Niveau der Schmerzempfindlichkeit eines Kindes zu wählen. (http://www.opioids.com/pain/scn9a.pdf) – in einem Bereich von unsinnigen Mutationen, die für völlig fehlende Schmerzempfindlichkeit kodieren bis hin zu Varianten, die Hyperalgesie fördern. Wahrscheinlich werden Allele gewählt, die zu einer milden, niedrigen Schmerzempfindlichkeit führen, bis intelligente Neuroprothesen es uns ermöglichen, auf die Signalfunktion von phänomenalem Schmerz völlig zu verzichten.

In der neuen reproduktiven Ära wird der Selektionsdruck von einer gänzlich anderen Art sein als im Zeitalter des darwin'schen Lebens. Unter der Herrschaft der natürlichen Auslese ist die Evolution „blind“. Genetische Mutationen sind, hinsichtlich der Evolutionsrichtung, zufällig. Im Gegensatz dazu werden post-darwin'sche Menschen die Genome ihrer Kinder unter Vorwegnahme von deren künftigen phänotypischen Auswirkungen wählen und gestalten. Doch nicht nur unsere Kinder werden profitieren. Autosomale Gentherapie ermöglicht auch reifen Erwachsenen die Veränderung von Temperament, Motivation und Persönlichkeit. Wir können uns auch selbst „umprogrammieren“, indem wir kognitions-verbessernde „Smart-Gene“ und regulatorische Promotoren einsetzen. Ethische Herausforderungen im Überfluss. Vielleicht wird der Etatismus im chinesischen Stil über den westlichen Individualismus triumphieren? Wird staatlich gelenkte Eugenik in einem neuen Gewand wieder auftauchen?

In einen breiteren Kontext gestellt, geht das abolitionistische Projekt über das Wohlbefinden der Mitglieder einer einzelnen Rasse oder Spezies hinaus. Die Menschheit hält und schlachtet derzeit jedes Jahr Milliarden nicht-menschlicher Tiere („Nutztiere“). Die Taten, die wir an unseren fühlenden Mitwesen begehen, würden die Täter lebenslang ins Gefängnis bringen, gehörten die Opfer unserer eigenen Spezies an. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Menschen und industriell gehaltenen Tieren. Es geht nicht um die Frage, ob Unterschiede bestehen, sondern darum, ob dies moralisch relevante Unterschiede sind. Ein Schwein hat beispielsweise die intellektuellen Fähigkeiten – und, was entscheidend ist, die Fähigkeit, zu leiden – eines zweijährigen menschlichen Kleinkindes. Mangels moralisch relevanter Unterschiede verdienen ein Schwein und ein Kleinkind dieselbe Liebe und denselben Respekt. Der Grund, weshalb wir die Misshandlung nicht-menschlicher Tiere nicht mit dem gleichen Entsetzen betrachten wie die Misshandlung von Kindern, liegt darin, dass der Selektionsdruck unsere moralischen Intuitionen systematisch verzerrt hat. „Sie“ scheinen „uns“ ganz selbstverständlich untergeordnet.

Tierrechts-Aktivisten hoffen, dass jedermann die zwingenden Argumente zugunsten eines veganen Lebensstils begreifen wird. Millionen Menschen weltweit haben den Schritt zu einer grausamkeitsfreien Ernährung vollzogen. Doch was, wenn der Fortschritt stagniert? Vielleicht wird die menschliche Fähigkeit zur eigennützigen Rationalisierung sich als zu tief verwurzelt erweisen, um sich gegen die fleischessende Majorität zu durchzusetzen. In einem solchen Szenario ist Technologie die einzige Lösung für den Tier-Holocaust. Die Entwicklung von preisgünstigem, massenproduziertem In-Vitro-Fleisch (http://www.new-harvest.org/), in Geschmack und Konsistenz nicht vom Fleisch vollständiger Tiere zu unterscheiden, ermöglicht selbst dem moralisch Apathischen die Umstellung auf eine grausamkeitsfreie Ernährung. Daher ist ein globaler Veganismus – oder zumindest ein globaler Veganismus in Verbindung mit grausamkeitsfrei kultiviertem Fleisch – also nicht das Hirngespinst, das es zu sein scheint.

Betrachten Sie schließlich die Schrecken der „Natur, rot an Zahn und Kralle“. Das darwin'sche Leben ist grausam. Es basiert darauf, dass Lebewesen sich gegenseitig aufessen. Die Erfahrung, bei lebendigem Leib gegessen, ausgeweidet oder langsam erstickt zu werden, ist so schrecklich, dass man sie nicht mit Worten beschreiben kann. Dieses Schicksal widerfährt täglich Millionen von fühlenden Wesen. Die „Nahrungskette“ scheint ein unüberwindliches Hindernis auf dem Weg zu einer Welt ohne Leiden, lässt man das Aussterben frei lebender Tiere durch Zerstörung ihres Lebensraums außer Acht. Doch der Fatalismus hinsichtlich der Not der „wilden“ Tiere wird bald überholt sein. Jetzt, wo der genetische Code enträtselt ist, können wir radikale Erhaltungsmaßnahmen für die belebte Welt ins Auge fassen – eine ethisch umgestaltete Naturschutzbiologie. Wenn wir wirklich das Leiden abschaffen und dennoch eine charismatische Mega-Fauna in unseren Naturparks erhalten wollen, können wir stattdessen ein mitfühlendes Ökosystem gestalten. Später in diesem Jahrhundert verfügen wir über die rechentechnischen Ressourcen, um jeden Quadratmeter des Planeten bis ins Kleinste zu organisieren. Potentiell ermöglicht uns Biotechnologie die Überschreibung des Wirbeltier-Genoms, die „Neuprogrammierung“ der heutigen fleischfressenden Räuber, die Regulierung der Fruchtbarkeit ganzer Spezies durch Immunokontrazeption, die Überwachung mariner Ökosystem mit Nanorobotern, und schließlich die Abschaffung des Leidens in der gesamten belebten Welt: http://www.abolitionist.com/reprogramming/deutsch/index.html.

Wie passt die Abschaffung des Leidens zu den anderen Aspekten des Transhumanismus?

Entgegen unserer Intuition machen uns all die wunderbaren Dinge, nach denen wir als Transhumanisten streben – Superintelligenz, unbegrenzte jugendliche Lebenserwartung, morphologische Freiheit, erweiterte Realität, immersive VR, unbegrenzter nanotechnischer Überfluss und so fort – nicht wesentlich (un-)glücklicher, wenn wir nicht auch unseren hedonischen „Sollwert“ neu kalibrieren. Denn keines dieser futuristischen Wunder setzt die hedonische Tretmühle außer Kraft. Die hedonische Tretmühle ist jene entsetzlich wirkungsvolle Reihe negativer Feedback-Mechanismen im Wirbeltier-ZNS, die bei den meisten von uns verhindert, dass wir sehr lange Zeit sehr (un-)glücklich sind. Empirisch betrachtet gibt es nur wenige Beweise dafür, dass Tausende von Jahren materieller Entwicklung dafür gesorgt hätten, dass der Homo Sapiens wesentlich (un-)zufriedener wäre als seine Jäger-und-Sammler-Vorfahren. Fast eine Million nehmen sich jedes Jahr das Leben, etwa zwanzig Mal so viele versuchen es. Hunderte Millionen leiden an klinischer oder subklinischer Depression. Während die Computerleistung exponentiell, und die Wirtschaft unkontrolliert wächst, wächst (Un-)Glück noch nicht einmal linear. Es stagniert.

Also müssen wir die biologischen Ursachen des Unwohlseins bei den Wurzeln packen. Verglichen mit exotischeren transhumanistischen Technologien, erhöht die Aussicht auf eine Optimierung der Belohnungspfade nicht die Pulsfrequenz. Mit den Worten von Jeremy Bentham: „Glück ist sehr schön, wenn man es fühlt, aber sehr trocken, wenn man darüber redet“. Jedoch werden direkte Eingriffe unumgänglich sein, wenn die Bürde schlechter Gestimmtheit überwunden werden soll. Selbst wenn wir in einem neuzeitlichen Garten Eden leben, ist die Erhöhung des hedonischen Sollwerts die einzige Möglichkeit, das lebenslange Wohlbefinden eines Individuums über dessen genetisch festgelegte Obergrenze zu steigern. Seine erblichen Einstellungen variieren. Heute haben einige Menschen in der darwin'schen Lebenslotterie mehr bzw. weniger Glück als andere. Aber unser aller Leben ist armselig verglichen damit, wie wundervoll das Leben in Zukunft sein könnte. Kurzum, der Vorschlag, uns so umzugestalten, dass wir uns "natürlich" glücklicher fühlen, geht quer über verschiedene transhumanistische Ziele und Projekte. Genetisch vorprogrammiertes Wohlbefinden ist keine Alternative zu anderen transhumanistischen Visionen, sondern vielmehr deren Kulisse. Aus dem selben Grund können nicht nur der klassische utilitaristische Ethiker, sondern auch der Präferenzutilitarist, der Tugendethiker, Deontologiker und der ethische Pluralist allesamt eine radikale Stimmungs-Bereicherung befürworten. Bio-Glück ist vielleicht keine Verpflichtung. Doch sollte es nicht zumindest eine Option sein?

Eine andere Frage ist, ob eine Neukalibrierung des hedonischen Sollwerts im Gehirn die Struktur unserer Vorlieben erhalten kann oder soll. Schließlich bemerkte Wittgenstein: „Die Welt der Glücklichen ist ganz anders als die der Unglücklichen.“ Vielleicht ist die Welt der Superglücklichen nicht nur anders, sondern geradezu unvorstellbar. Einige von uns würden den darwin'schen Geist gerne einfach in den Mülleimer der Geschichte verbannen. Allerdings strebt niemand danach, sich von Grund auf neu zu erfinden. Betrachten wir stattdessen ein beruhigend konservatives Beispiel einer Neukalibrierung. Was die Musik angeht, so lieben Sie Jazz, und ich liebe Techno. Stellen Sie sich vor, wir lassen beide eine Optimierung unserer Belohnungsbahn vornehmen, die zur Folge hat, dass uns alle Musik noch angenehmer in den Ohren klingt, die aber auch bewirkt, dass unser bevorzugter Musikstil unvorstellbar erhaben klingt – so erhaben, dass die coolste Musik, die wir jetzt hören, verglichen damit lediglich wie ein Werbe-Jingle wirkt. Nach dieser anscheinend wundersamen Wandlung sind wir uns noch immer uneinig über die Vorzüge von Jazz bzw. Techno. Die kritische Urteilsfähigkeit bleibt erhalten. Unsere musikalischen Vorlieben sind intakt. Ebenso können wir noch immer darüber diskutieren, ob Werturteile subjektiv oder objektiv sind, und darüber streiten, ob die explosionsartige Wertsteigerung unseres Musikerlebens nach einer solchen Optimierung mit einer Wertexplosion in einem metaphysischen Sinne einhergegangen ist. Trotz solcher Unstimmigkeiten würden wir beide nachdrücklich darin übereinstimmen, dass sich unsere Lebensqualität nach dieser Optimierung dramatisch verbessert hat. Allgemeiner ausgedrückt: Was für die Wertschätzung von Musik gilt, ist auch für Ästhetik, Humor, Erotik und alle anderen Aspekte menschlicher Erfahrung machbar, nicht zuletzt für den hedonischen Tonus, der die Textur unseres alltäglichen Lebens durchdringt. Ein optimierter Belohnungskreislauf kann bedeuten, dass unsere Nachfahren – und gerade noch vorstellbar wir selbst, wenn wir älter sind – an jedem Tag ihres Lebens hyper-kostbare Zustände genießen werden.

Doch wird post-humanes Leben „in Wirklichkeit“ um Größenordnungen wertvoller sein – oder sich nur so anfühlen? Ich gebe hier einmal Folgendes weiter: Ist der Himmel „in Wirklichkeit“ besser als die Hölle?


3. Ich denke, eine Menge Leute finden den Abolitionismus einfach eigenartig. Was würden Sie diesen Menschen sagen?

DP: Ich glaube, das Eigenartige liegt im Auge des Betrachters. „Gott ist in seinem Himmel. Alles ist in Ordnung mit der Welt“, sagte Robert Browning. Oder wie Bertrand Russell einst beobachtete: „Geistig wirklich hochstehenden Menschen ist das Glück gleichgültig, insbesondere das der anderen Menschen.“ Eine klassische utilitaristische Ethik beinhaltet den Abbau des Leidens. Das ist auch ein zentraler Grundsatz des Buddhismus. Der Unterschied liegt darin, dass die Technologie des 21. Jahrhunderts die Abschaffung des Leidens zu einer durchführbaren Option macht. Zuvor war es nur ein utopischer Traum. Schließlich kann man die hedonische Tretmühle nicht per Gesetz oder durch sozio-ökonomische Reformen à la Jeremy Bentham neu kalibrieren, noch kann man durch Anwendung des von Gautama Buddha formulierten Edlen Achtfachen Pfades ein grausamkeitsfreies Ökosystem schaffen. Die zugrunde liegenden Ziele der Abschaffung des Leidens und der Förderung des Glücks haben sich nicht geändert – lediglich die Wirksamkeit der Mittel. Die meisten Menschen streben danach, ihr eigenes Glück zu vergrößern. Sie versuchen, dieses Ziel zu erreichen, indem sie Kinder haben, einen besser bezahlten Job annehmen, Dinge kaufen, etc. Zahlreiche Studien zeigen, dass derlei Verhalten das Glück nicht langfristig über den eingebauten hedonischen Sollwert eines Menschen hinaus zu steigern vermag.

Ob man das abolitionistische Programm nun „eigenartig“ oder banal findet, niemand ist seinem eigenen Leiden gegenüber gleichgültig. Denken Sie vielleicht noch einmal darüber nach, wenn Sie das nächste Mal Zahnschmerzen haben. Völlig anders dagegen liegt der Fall, wenn sich das Elend anderswo ereignet: „Wir alle haben Kraft genug, das Unglück der anderen zu ertragen“, sagte Francois de La Rochefoucauld mit verzeihlicher Übertreibung. Die Naturwissenschaften streben nach einer imaginären gottähnlichen Perspektive. Ich würde sagen, dass wir solches auch im Bereich der Ethik anstreben sollten. Unvoreingenommenes Wohlwollen war in der afrikanischen Savanne genetisch maladaptiv. Daher findet unser Gehirn solches heutzutage nicht einfach. Die Herausforderung besteht also nicht ausschließlich in der Überwindung der egozentrischen Befangenheit, sondern auch der ethnozentrischen und anthropozentrischen Befangenheit, also in der Entwicklung einer objektiven Sichtweise, die anerkennt, dass die Sicherung des Wohlergehens eines anderen fühlenden Wesens auf der anderen Seite der Welt – oder in der Gefangenschaft eines nahe gelegenen Massentierhaltungsbetriebs – ebenso dringlich sein sollte wie die Sicherung des eigenen Wohlergehens.

Hier ein Gedankenexperiment für den Skeptiker. Stellen Sie sich vor, wir stoßen zufällig auf eine fortgeschrittene außerirdische Zivilisation. Alle Bewohner genießen ein Leben auf der Basis von Stufen intelligenten Glücks. Normalerweise bezweifle ich, dass primordiales Leben in einem typischen, lebensunterstützenden Hubble-Volumen mehr als einmal entstehen kann, doch lassen Sie uns hier einmal etwas anderes annehmen. Sollten in einem solchen Szenario die Verfechter einer Erdlings-Vernunft versuchen, diese erhaben glücklichen Außerirdischen zu überreden, das Unbehagen ihrer primitiven Vorfahren wiederherzustellen? Was genau glauben wir, war so lohnend an der Abscheulichkeit, die jene verloren haben? Tertullian behauptet, eine der Freuden des Paradieses sei es, die Qualen der Verdammten anzusehen. Sollten wir die Außerirdischen dazu drängen, Vorfahren-Simulationen durchzuführen, als Erinnerung daran, was es mit der lange vergessenen „Un-Eigenartigkeit“ auf sich hat? Ich glaube nicht, dass die Mitglieder einer solchen superglücklichen Zivilisation den menschlichen Vorschlag, das darwin'sche Leben wiederherzustellen, lediglich als „eigenartig“ ansehen würden, sondern vielmehr als absolut psychotisch. Nur unsere Tendenz zum Status Quo – und die Gleichstellung des „Natürlichen“ mit dem Guten – lässt uns an der traditionellen Biologie festhalten.

Das obige Szenario ist lediglich ein Gedankenexperiment. Aber ich denke, dass unsere post-humanen Nachfahren unüberbietbares Wohlbefinden wirklich für selbstverständlich halten werden. Die Vorstellung, zum Elend ihrer Vorfahren zurückzukehren, dürfte ihnen als über die Maßen seltsam vorkommen – was es ja auch tatsächlich ist.


4. Was denken Sie über das derzeitige Stadium des Transhumanismus? Und was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft?

DP:In gewisser Hinsicht war das letzte Jahrzehnt ein durchschlagender Erfolg. Aber lassen Sie uns etwas selbstkritischer beginnen. Die eingeschränkte wechselseitige Befruchtung der verschiedenen transhumanistischen Traditionen könnte verbessert werden. Die meisten Transhumanisten pflichten der Transhumanistischen Erklärung und den FAQ's bei. Doch die verschiedenen Strömungen des Transhumanismus gleichen manchmal eher teil-unabhängigen Sonnensystemen als einer einheitlichen Bewegung. Die transhumanistische Gemeinschaft ist männer-dominiert. Es gibt einige robuste Persönlichkeiten, entscheidend für den Erfolg in einer darwin'schen Welt. Doch die Überwindung unserer biologischen Grenzen bedeutet auch die Überwindung des Alphamännchen-Dominanzverhaltens – der größten unterschwelligen Quelle globaler Existenz- und Katastrophenrisiken; und vermutlich auch die größte Gefahr für die transhumanistische Bewegung.

Positiv ist vermerken, dass transhumanistische Ideen eine Verbreitung gefunden haben, die in keinem Verhältnis zur Zahl unserer Vertreter steht. Transhumanistische Ideen haben den akademischen Mainstream durchdrungen – sicher noch immer sehr umstritten, aber nicht mehr ausschließlich die Domäne von wild dreinblickenden Visionären und Science-Fiction-Enthusiasten. Aubrey de Grey’s Ending Aging (2007) beispielsweise wurde weithin zur Kenntnis genommen. Es ist nun eher wahrscheinlich, dass Kritiker behaupten, die geplanten Zeitvorgaben seien zu optimistisch, als dass sie die Möglichkeit einer radikalen Verlängerung des Lebens an sich bestreiten. OUP hat kürzlich einen wissenschaftlichen Essay-Band mit dem Titel Global Catastrophic Risks (2008), herausgegeben von Nick Bostrom, veröffentlicht. Springer hat gerade einen akademischen Band über Singularität in Auftrag gegeben, und so fort. Auf dem für den Abolitionismus bedeutendsten Forschungsgebiet haben Meldungen über In-Vitro-Fleisch die großen Medien erreicht. Selbst der Vorschlag, den Karnivorismus in der Natur abzubauen, wurde kürzlich vom Philosophen Jeff McMahan in der New York Times erörtert. Ich denke, das ist echter Fortschritt. Das Leben hat eine fürchterliche Vergangenheit, aber möglicherweise eine herrliche Zukunft.

Worauf ich langfristig hoffe? Auf das Wohlergehen aller fühlenden Wesen natürlich. Doch leider steckt der Teufel im Detail.

David Pearce
Januar 2011
(original Swedish, English versions: Svensk, (English)
with many thanks to translator Stefan Meid.
See too
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